„Von Asse II geht keine Gefahr aus?“ Oder: Alles eine Frage der Grenzwerte?

Als Ende des vergangenen Jahres die Häufung von Krebsfällen in der Umgebung der Asse für bundesweites Aufsehen sorgten, war das Bundesumweltministerium schnell dabei zu erklären, die vermehrten Krebsfälle könnten nicht durch die Strahlenbelastung durch Asse II erklärt werden Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erklärte am Mittwoch, den 23.2.2011, auf einer Informationsveranstaltung in Wolfenbüttel, dass in der Umgebung der Asse alle Grenzwerte nach der Strahlenschutzverordnung eingehalten werden. Kann deshalb ausgeschlossen werden, dass die Krebsfälle auf den Betrieb von Asse II zurückzuführen sind? Sorgt das Einhalten der Grenzwerte aus der Strahlenschutzverordnung tatsächlich für Sicherheit? Wie sind diese Grenzwerte entstanden? Die Festlegung der Grenzwerte für eine zulässige radioaktive Belastung hat ihren Ursprung in Auswertungen nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Hierbei wurde eine Systematik angewandt, die zu fehlerhaften Einschätzungen führen musste. Warum? Man verglich die aufgetretenen Erkrankungen der Bevölkerung innerhalb der Städte Nagasaki und Hiroshima nicht mit einer unbelasteten Bevölkerung, sondern mit der Bevölkerung außerhalb der Stadtgrenzen. Die so ermittelten Daten wurden dann als Grundlage für die Entwicklung von Strahlenschutzwerten genutzt. Ein Vergleich: Es wird festgestellt, dass bei einem Hochwasser in Wolfenbüttel der Oker-Wasserstand bei 3 m über Normal und außerhalb der Stadtgrenzen, wo das Wasser nicht ganz so große Schäden anrichtet, z. B. in Ohrum, nur bei 2,9 m liegt. Daraus wird die Regel abgeleitet, dass man als Vorsorge gegen Hochwasser an Flüssen weltweit 10 cm hohe Dämme bauen müsse. So absurd und überspitzt das Hochwasserbeispiel auch sein mag; die Grundlagen der zulässigen Grenzwerte wurden in dieser (Un-)Logik entwickelt. Für die „Verträglichkeit“ raidoaktiver Belastungen wird der „Reference Man“ als hypothetisches Objekt für alle Strahlenschutz-Standards verwendet. Damit wird ein gesunder weißer Mann aus Nordamerika oder Europa zu Grunde gelegt, der 25 – 30 Jahre alt ist, 77 kg und 170 cm groß ist. Es wird angenommen, dass sein Immunsystem intakt sei und er über optimale Zellreparaturmechanismen verfüge. Wenn Sie ein anderes Geschlecht, ein anderes Gewicht, ein anderes Alter haben … ihr persönliches Risiko. Wer definiert die Grenzwerte? Die europarechtlichen Vorgaben für Grenzwerte wurden in deutsches Recht – vorrangig in der Strahlenschutzverordnung – umgesetzt. Diese europarechtlichen Vorgaben stützten sich auf Empfehlungen der IAEA (International Atom Energy Agency), einer auf UN-Ebene gebildeten Organisation, deren Ziel bei der Gründung so definiert wurde: „ Ziel der Organisation ist es, den Beitrag der Atomenergie zum Frieden, zur Gesundheit und zum Wohlstand auf der ganzen Welt rascher und in größerem Ausmaß wirksam werden zu lassen.“ Der aktuelle Internetauftritt der IAEA steht unter der Überschrift: „Nuclear Power for the next generation“. (siehe http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Unterschriften.pdf) Die internationale Interessenorganisation der Atomindustrie wirkt über diesen Weg an der Festlegung der Grenzwerte mit. Es entsteht der begründete Eindruck, dass diese Grenzwerte dazu da sind, der Atomenergienutzung zur Akzeptanz zu verhelfen. Das Argument „Die Grenzwerte wurden nicht überschritten.“ ist ein „Totschlagargument“, weil es so wissenschaftlich klingt. Die Grenzwerte werden aber nicht von der Physik, sondern von Menschen aufgestellt. Was spricht gegen diese Grenzwerte? Der Kinderkrebsstudie von 2007 im Auftrag des BfS entnehmen wir, dass im Umkreis von 5 Kilometern von Kernkraftwerken vermehrt Leukämiefälle bei Kindern auftreten. Und dies obwohl die o.g. Grenzwerte eingehalten wurden. Außerdem sagt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf seiner Website: „Für das strahlenbedingte Leukämie- und Krebsrisiko gibt es keine Schwellendosis. Auch niedrige Dosen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Krebs oder Leukämien bei bestrahlten Personen….“ und führt weiter aus, dass sich das Risiko mit zunehmender Dosis erhöht. (Nachzulesen auf der Seite http://www.bfs.de/de/ion/wirkungen/leukaemie.html) Auf der Veranstaltung in Wolfenbüttel sagte das BfS das allerdings nicht. Welche Konsequenzen müssen gezogen werden? Wenn in der Nähe von Atomkraftwerken eine höhere Krebsrate bei Kindern und im Umfeld der Asse eine höhere Rate an Leukämie und Schilddrüsenkrebs auftritt, reagiert die Bundesregierung nach der Devise „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“. Die Konsequenz kann aber nur lauten: Wenn derartige Häufungen von Erkrankungen an unterschiedlichen atomtechnischen Anlagen auftreten, müssen die Grenzwerte als überschritten bewertet werden. Und der Betreiber der Atomanlage sollte nachweisen müssen, dass von seiner Anlage keine Gefahr ausgeht und nicht umgekehrt. Darüber hinaus, sind alle Formen der Freisetzung von radioaktiver Aktivstrahlung zu erheben, Alpha-, Beta- und Gammastrahlung. Im Rahmen der Umgebungsüberwachung der Asse wird bisher nur die Gammastrahlung gemessen.

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