„Wo vor Wie“ oder „Wie vor Wo“?

Zugegeben: Eine verwirrende Überschrift – aber angemessen für ein verwirrendes Thema.

In der jüngeren Vergangenheit ist mehrfach die Auffassung vertreten worden, dass ein Zwischenlager für den Atommüll, der aus der Asse geborgen werden soll, auch in der Nähe der Asse angesiedelt sein und dass man diese Nähe akzeptieren müsse.

Der folgende Beitrag hinterfragt, ob es diesen Automatismus für die Übernahme der Verantwortung durch die Menschen aus der Region um die Asse gibt.

Die Ausgangslage

Die Ausgangslage lässt sich anhand einiger weniger Fakten darstellen:

1. Der Atommüll wurde in ein Bergwerk eingelagert, dass von vornherein hierfür nicht geeignet war.

2. Ein Verbleiben des Atommülls im Bergwerk würde früher oder später zu erheblichen radioaktiven Kontaminationen der Region führen.

3. Die einzige Möglichkeit, für die eine Sicherheitsprognose gewagt wird, ist die Bergung des Atommülls.

Dies ist zwar das Ergebnis eines Optionenvergleichs, in dem die Bürgerinitiativen die Rückholung gefordert haben, allerdings kann daraus keine originäre Verantwortung abgeleitet werden.

Moralische Begründungen lassen keine eindeutigen Bewertungen zu

Ein Argument, das genannt wird, um die Verpflichtung der Region zur Aufnahme des Zwischenlagers zu begründen, lautet, dass man keiner anderen Region die Aufnahme des Zwischenlagers zumuten könne.

Dies hört sich „ehrenhaft“ an, führt aber zu einem Dilemma. Kann man der hiesigen Region und – je nach Betriebsdauer des Zwischenlagers – auch künftigen Generationen gegenüber moralisch vertreten, den Bau des Zwischenlagers hier zugelassen oder akzeptiert zu haben, wenn das Gefährdungspotential an anderem Ort geringer ist?

Beide Aspekte werden Zustimmung und Ablehnung hervorrufen. Es ist aber nicht bewertbar, welche moralische Betrachtungsweise gewichtiger ist. Daher können moralische Aspekte dieser Art keine Entscheidungsgrundlage bilden.

Sicherheitsgewinn verpflichtet?

Obwohl Vergleiche bekanntermaßen „hinken“, soll der Widersinn dieser Argumentation mit einem Vergleich dargestellt werden.

Man stelle sich vor, beim Betanken des Heizölkessels des Nachbarn löst sich der Schlauch. Der Boden Ihres Vorgartens wird durch das Heizöl kontaminiert. Der Boden wird abgetragen und in Fässer gefüllt.

Da Sie einen Sicherheitsgewinn erzielt haben, da der Boden jetzt nicht mehr belastet ist, sind sie verpflichtet, die Fässer mit dem verseuchten Boden in Ihrer Garage zu lagern.

Eine solche „Argumentation“ würden Sie wahrscheinlich nicht akzeptieren, weil sie völlig an der Sache vorbei geht.

Warum sollte die gleiche Vorgehensweise im Zusammenhang mit der Bergung des Atommülls aus der Asse akzeptiert werden? Es wird mit der gleichen Scheinlogik argumentiert.

Wer den vermeintlichen Sicherheitsgewinn als Argument gelten lässt, muss damit rechnen, dass dieses Argumentation nicht nur bei der Standortfrage für das Zwischenlager genutzt wird. Sie könnte dann auch als Legitimation für ein Langzeitzwischenlager bzw. ein faktisches Endlager genommen werden.

Transportrisiken – ein politisches Instrument?

Zugegeben: Atomtransporte erzeugen ein Transportrisiko. Das BfS führt dieses Risiko beim Atommüll aus Asse II ins Feld und macht es nahezu zum entscheidenden Kriterium. Gleichzeitig genehmigt das BfS Atommülltransporte nach Gorleben, quer durch die Republik von Karlsruhe nach Lubmin oder von Jülich nach Ahaus. Hierbei handelt es sich vielfach nicht nur um schwach- oder mittelradioaktiven sondern um hochradioaktiven Müll.

Gründe genug, äußert kritisch zu hinterfragen, warum die Transportbelastung des Atommülls aus der Asse vom BfS so hoch bewertet wird.

Atommüll aus der Asse

Der Atommüll aus der Asse wird  in der öffentlichen Wahrnehmung von vielen Menschen – unabhängig von der tatsächlichen Strahlungsintensität – als besonders „schmutziger Atommüll“ betrachtet.

Daher wird sich an nahezu allen denkbaren Standorten für ein Zwischenlager für den Asse-Müll starker Widerstand bilden, was die Durchsetzung eines Zwischenlagers politisch äußerst schwierig macht.

Aber auch die Menschen um die Asse werden ein Zwischenlager nur dann akzeptieren, wenn die Entscheidung über den Standort nicht aufgrund des fadenscheinigen Arguments der „Verantwortung“ getroffen wird, sondern nach objektiven Kriterien und nach einer sachlichen Bewertung.

Denn: Die Region hatte weder die Verantwortung für die Entstehung des Atommülls, noch für die Einlagerung in Asse II. Wie kann dann eine Verantwortung für die Folgewirkungen der Bergung entstehen?

Mit der Bergung des Atommülls durch den jetzigen Beitreiber wird ein Fehler des früheren Betreibers korrigiert.

Die Verantwortung für die Belastungen, die sich daraus ergeben, liegt ausschließlich auf der Betreiberseite – und nur dort.

Unsere Verantwortung 

Die Aufgabe der Bürgerinitiativen und ihrer Mitglieder liegt nach unserer Auffassung nicht in einer Übernahme einer nicht vorhandenen Verantwortung, aus der eine Vorfestlegung des Standortes für das Zwischenlager hergeleitet wird.

Sie würden sich sonst in letzter Konsequenz der Möglichkeit in den Weg stellen, die sicherste Variante für den Umgang mit dem Atommüll aus Asse II herauszufinden und zu realisieren. Denn durch die Vorfestlegung auf die Asse-Nähe, wird die Prüfung anderer, möglicherweise sichererer Standorte und Lagerungsverfahren verhindert – bzw. gar nicht in Erwägung gezogen.

Wenn man den sicherste Standort und den für die Menschen am wenigsten belastenden Umgang mit dem Asse-Atommüll erreichen will, muss man hierfür Kriterien definieren, sie gewichten und anhand dieser Kriterien entscheiden.

Solche Kriterien sind z. B.

  • tektonisch sicheres Gebiet (dazu gehört auch die Standunsicherheit der Asse)
  • nicht im Einzugsgebiet der Trinkwassergewinnung
  • nicht im Hochwassergebiet
  • nicht im Tieffluggebiet
  • geringe Bevölkerungsdichte
  • Belastungen,die während eines Transports entstehen können

Erst nach Abwägung aller Kriterien wird man in der Lage sein, eine begründete und nachvollziehbare Standortentscheidung zu treffen.

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