Keine Zeit verlieren: Mit der Planung der „mannlosen Bergung“ des Atommülls jetzt beginnen

Rückblende:

„In der Variante LAW* haben wir zwei Varianten. Eine Variante besagt, Abbau der LAW-Abfälle mit Personal im Vollschutz. Das müssen Sie sich so vorstellen, dass die Menschen komplett in den Vollschutz integriert sind und darin wie ein Taucher arbeiten müssen. Die zweite Variante ist Abbau mit Tunnelbohrer, d. h. also Abbau der LAW-Abfälle mit einem Maschinenpark….

Betrachten wir die Variante 1, Personal unter Vollschutz. Diese Variante beinhaltet das Herauslösen der Abfallgebinde aus dem Salzbauwerk mittels schwerer Arbeitsgeräte, z. B. Presslufthammer, die von Menschen zu bedienen wären. Der Einsatz erfolgt unter Vollschutz, das bedeutet z. B. für diese Menschen, dass sie maximal 2 Stunden arbeiten können und dann auf jeden Fall eine Pause zur Erholung benötigen.  …“

Von der Idee, dass eine Bergung des sogenannten schwachradioaktiven Mülls durch direkten Einsatz von Menschen möglich sei, hat sich wohl jeder verabschiedet.

Man mag es kaum glauben, aber die Zitate entstammen keiner „Stammtischmeinung“, die irgendwo aufgeschnappt worden ist.

Die Quelle dieses Zitat ist die sogenannte „Fichtner-Studie“ für die eine Informationsverantstaltung der GSF** zur Möglichkeit der Bergung des Atommülls.

Dass die Fichtner-Studie zu dem Ergebnis kam, die Bergung nicht zu verfolgen, ist nur noch eine Randnotiz.

Low Active Waste, schwach radioaktiver Abfall

** Gesellschaft für Strahlenforschung, später: GSF – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, heute: Helmholtz Zentrum München

Zurück in der politischen Gegenwart

Der niedersächsische Landtag hat sich am 19.7.12 einstimmig für die Räumung des Atommülls aus der Asse ausgesprochen.

Immerhin: Vor etwas mehr als einem halben Jahr wäre dieser einstimmig Beschluss noch undenkbar gewesen. Der damalige Umweltminister Sander hatte sich noch Ende Dezember in enem Interview mit der Neuen Presse in Hannover so geäußert: „Wir brauchen so schnell wie möglich einen sicheren Verschluss der Asse“.

Aber auch aktuelle politische „Glaubensbekenntnisse“ gewinnen ihren Wert erst durch Taten. Und an der Asse gibt es noch viel zu tun. Und dieses Tun erfordert Beharrlichkeit und muss über Wahlkämpfe und Legislaturperioden hinausgehen. Deshalb werden wir von diesem und auch von folgenden Landtagen das Handeln im Sinne dieses Beschlusses einfordern müssen.

Wir nehmen uns das Recht heraus, an dieser Stelle einen alten Kalauer zu verwenden: „Mit Rederei baut man kein Schiff.“

Zurück in der technischen Gegenwart

Heute besteht weitgehend Konsens darüber, dass die Bergung des Atommülls aus der Asse ferngesteuert erfolgen muss. Der direkte Kontakt zwischen Personal und zu bergendem Atommüll ist zu vermeiden.

Diese Erkenntnis ist bei allen, die sich mit der Bergung des Atommülls aus der Asse auseinandersetzen „Allgemeingut“.

Um vor negativen Überraschung gefeit zu sein, musste man bei der Planung der Rückholungvom schlechtestmöglichen Zustand der eingelagerten Gebinde ausgehen.

Daran wird auch das Ergebnis der Anbohrungen nichts ändern, da man durch die Anbohrung auch nur Erkenntnisse aus einem sehr kleinen Ausschnitt der Kammern erlangen wird.

Mannloser Bergbau – mehr Realität als Utopie!

Wie weit die „mannlose Bergbau“ bereits 2005 fortgeschritten war, zeigt ein Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom  24.10.2005

Hieraus ein Auszug:

„Die Herausforderung der Ingenieure ist, unter Tage möglichst vollkommen ohne Menschen auszukommen. Für Manfred Schmidt klingt das revolutionär, aber nicht utopisch. Darüber hinaus arbeiten sie daran, zunehmend die Aufbereitung unter die Erde zu verlagern.

Es gibt erste Versuche in China unter Beteiligung deutscher Firmen, Kohle in der Lagerstätte bereits zu vergasen oder zu verflüssigen. Ebenso soll das Abbaugut mehr und mehr vor Ort zerkleinert und sortiert, aus den Erzen sollen schon Metalle gewonnen werden.“

… und auf die Asse übertragbar?

Dr. Ralf Krupp (Mitglied der Asse II – Begleitgruppe) hat in einem Brief, der u. a. an die Asse II-Begleitgruppe und das Bundesamt für Strahlenschutz gerichtet war, folgenden Vorschlag gemacht:

„Möglichkeit der teilweisen Konditionierung unter TageEigene Überlegungen zur Bergung und Handhabung von Abfällen legen nahe, bereits bei der Bergung eine Trennung zwischen Salzgrus, kontaminiertem Salzgrus und stückigem Abfall vorzunehmen und jeden dieser Teilströme separat weiter zu verarbeiten:· nicht kontaminierter Salzgrus soll soweit wie möglich selektiv abgetragen und je nach Raumangebot  (Fortschritt der Kammer-Räumung)  ortsnah gelagert, versetzt, oder aus dem Kammerbereich  (Sperrbereich)  ausgeschleust und an anderer Stelle als Baustoff verwertet  werden. Radiometrische Messeinrichtungen an den Bergungsgeräten selbst oder an Kontrollpunkten helfen bei der  Sortierung.· Kontaminierter Salzgrus kann  durch einfache Siebung  und/oder  bereits durch SiebLöffel am Bagger oder Fahrlader von stückigen Abfällen getrennt  und ortsnah  auf  Haufen zwischengelagert werden. Der kontaminierte Salzgrus soll bereits vor Ort mit Magnesiumchloridlauge und Magnesiazement zu Sorelbeton angemischt und homogenisiert werden und anschließend, durch die Schleuse  hindurch,  in außen unkontaminierte Endlagerbehälter vergossen werden. An dieser Stelle  kann bereits eine Probe zur Analyse und Deklaration entnommen werden. Der Endlagerbehälter wird verschlossen und zur Aushärtung abgestellt, anschließend zu Tage  befördert. Der  Endlagerbehälter mit  kontaminiertem  Salzgrus  kann nach erforderlichen 2 radiologischen Kontrollmessungen  nun  transportiert und  bis zur Endlagerung zwischengelagert werden.  Diese Zwischenlagerung muss nicht in Nähe der Schachtanlage sein. Da  kontaminierter Salzgrus einen erheblichen Anteil des Abfallvolumens ausmacht, könnten die  Kapazitäten sowohl  der  diversen Lager am Standort Asse als auch die  Konditionierungsanlagen über Tage deutlich kleiner dimensioniert werden.· Stückige Abfälle sollen  nach Siebung (Sieblöffel)  in Kübeln gesammelt und  in einer eigenen Behandlungslinie  konditioniert werden.“

Dieser Vorschlag stellt eine realisierbare Möglichkeit zur Bergung des Atommülls dar. Dies gilt umso mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass einerseits die technische Entwicklung seit 2005 vorangeschritten ist und andererseits bis zum konkreten Einsatz der Technik noch einige Jahre vergehen werden, was allein schon durch den Zeitbedarf für das Abtäufen des Schachtes Asse V bedingt ist.

Unverständlich ist, dass Mitarbeiter des BfS, die für Asse II zuständig waren, die Rückholung heute für nicht machbar halten, da es dieses Gerät noch nicht gäbe, selbst aber seit zwei Jahren die Möglichkeit gehabt hätten, entsprechende Technik in Auftrag zu geben. Forschungsgelder wurden sicherlich schon für unsinnigere Dinge ausgegeben. Und wer weiß, wo diese Geräte noch Einsatz finden (müssen).

Spätestens jetzt muss die verbleibende Zeit genutzt werden, um vorhandene Technik auf die assespezifischen Bedürfnisse anzupassen und ggf. auch ergänzende Technik zu entwickeln.

Fachtagung „mannlose Bergung“  – Erfahrungen nutzen, Fachwissen bündeln – wenn nicht jetzt, wann dann

Die Asse ist nicht die erste Atomanlage, die havariert. Es ist daher naheliegend, zu hinterfragen, welche Technik an den Standorten anderer havarierter Atomanlagen eingesetzt wurde und ob sie für die Asse nutzbar ist. Dabei ist es unerheblich, ob es die Erfahrungen in Sellafield, am Atomkraftwerk Three-Mile-Island, in Tschernobyl oder in Fukushima sind.

Es gibt innerhalb Deutschlands Wissensträger im Bereich der Robotik und Mechatronik, deren Wissen für die Bergung des Assemülls nutzbar sein könnte. Als Beispiel sei das Institiut für Robotik und Mechatronik der DLR genannt.

Auch an den regionalen Forschungseinrichtungen wie der Ostfalia, der Hochschule für angewandte Wissenschaften, in Wolfenbüttel und an der TU Braunschweig beschäftigt man sich mit Fragen der Robotik.

Was liegt näher, als die Organisation einer Fachtagung, mit dem Ziel

–          die vorhandenen internationalen Erfahrungen,

–          das nationale Wissen und

–          die regionalen Potentiale

zu bündeln.

Das BfS steht hier in der Pflicht.

Zur Erprobung wird es auch notwendig sein, für den Betreiber der Asse die Möglichkeit zu schaffen, Technik in einer simulierten Umgebung (einer sog. Sandbox) zu testen.

Auch hierfür können schon heute die Grundlagen geschaffen werden.

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