Stocamine – Die „kleine Asse“ am Oberrhein

Der folgende Artikel des BUND Regionalverband südlicher Oberrhein beschreibt die Situation in einem unterirdischen Gifrmüll-Endlager im Elsass. An der Asse wird zwar überwiegend über die Gefahren gesprochen, die durch die ionisierende Strahlung verursacht werden können. Dabei gerät die chemo-toxische Gefahr zu Unrecht  in den Hintergrund, obwohl auch Giftmüll (wie Arsen) in größeren Mengen in der Asse verbuddelt wurden. Ein Blick auf Stocamine macht deutlich, dass an der Asse das chemo-toxische Gefahrenpotential gleichrangig zum radiologischen Gefahrenpotential behandelt werden muss.

BUND Regionalverband südlicher Oberrhein:

Stocamine (kurzer historischer Abriss)

  • ab 1910
    Beginn des extrem grundwasserbelastenden Kaliabbaus im elsässischen Kalibecken bei Mulhouse (MDPA / Mines de Potasse D’Alsace)
  • 1997
    Die Planungen für die beste, sicherste und größte Giftmülldeponie (Stocamine) in Frankreich laufen auf Hochtouren. In den alten Kaliminen soll hochgiftiger, nicht brennbarer Giftmüll gelagert werden. Warnungen, Proteste und Einsprüche von elsässischen (BI´s und Alsace Nature) und badischen UmweltschützerInnen (BUND) gegen gefährliche Billiglösungen führen zu keinem Ergebnis.
  • 1999
    Die „Immer zu allem Ja wenn´s Geld bringt Politiker“ setzen sich durch. Beginn der Giftmülleinlagerung. UmweltschützerInnen auf beiden Rheinseiten protestieren gegen die Billiglösung und warnen vor den Gefahren für Mensch, Grundwasser und Umwelt.
  • 10. September 2002 GAU in der Giftmülldeponie Stocamine. Am 10. September 2002 bricht ein Brand in der „sichersten“ Deponie Frankreichs in 500 Metern Tiefe in einem Stollen des Salz-Lagers aus. Dort wurden bereits 45.000 Tonnen “nicht brennbare” Industrieabfälle „entsorgt“, darunter Zyanid, Asbest, Arsen, sowie chrom- und quecksilberhaltige Substanzen. Das Feuer kann erst zweieinhalb Monate später gelöscht werden.
  • April 2009
    Im Berufungsverfahren um den Brand der unterirdischen Giftmülldeponie Stocamine im Elsass hat ein Gericht in Colmar das Urteil gefällt: Der Chef der „sichersten Giftmülldeponie Frankreichs“ wurde nur noch zu einer Geldstrafe in Höhe von 5.000 Euro verurteilt. Die französische Staatsanwaltschaft hatte hingegen eine vier- bis sechsmonatige Bewährungsstrafe gefordert. BUND-Geschäftsführer Axel Mayer kritisiert dieses viel zu milde Urteil, insbesondere auch die Tatsache, dass die Firma Stocamine selber mit eine Strafe von nur 50.000 Euro davonkommt.
  • Oktober 2010
    Experten der französischen Umweltbehörden bestätigen die BUND-Befürchtungen und sagen: In der elsässischen Kalimine kann der giftige Stoff nicht bleiben – der Stollen wird in 100 bis 150 Jahren überschwemmt werden und das Grundwasser verseuchen.Seit September 2010 warnen Experten der französischen Bergbaubehörde, dass Giftmüll aus der “modernsten”, “sichersten” und durch einen Brand zerstörten Giftmülldeponie Stocamine, schon in 100 bis 150 Jahren eines der größten und wichtigsten Grundwasserreservoire Europas vergiften könnte.

Hintergrundinformation: Stocamine – Die „kleine Asse“ am Oberrhein

Der Skandal um das Atommülllager Asse ist in aller Munde. Radioaktives Wasser schwappt durch das jahrzehntelang als sicher gepriesene „Endlager“. Anstelle von leicht- und mittelaktivem Atommüll war unter anderem hochradioaktives Plutonium eingelagert worden. Es war vertuscht, gelogen und betrogen worden und wie fast immer bei großen Umweltverbrechen sitzt keiner der Verantwortlichen im Gefängnis. Der Atommüll muss jetzt geborgen werden und die Folgekosten des Asseskandals von bis zu 6 000 000 000 Euro tragen nicht die Atomkonzerne, sondern die SteuerzahlerInnen.

Stocamine – Der Skandal um die „kleine Asse“ am Oberrhein ist weniger bekannt und die drohende Grundwasservergiftung am Oberrhein durch Zyanid, Arsen und chrom- und quecksilberhaltige Abfälle hat eine unglaubliche Vorgeschichte.

Seit über hundert Jahren wird im elsässischen Kalibecken bei Mulhouse Kalisalz abgebaut und das dabei ebenfalls anfallende Steinsalz in den Rhein geleitet. Noch 1991 strömten in jeder Sekunde 115 Kilogramm Salz in die Haupttrinkwasserader von Millionen Europäern – jährlich 3.600.000 Tonnen Natrium-Chlorid. Salz wurde aber auch auf großen oberirdischen Halden gelagert und auf der Fessenheimer Insel in großen Becken zwischengelagert. Unglaubliche Mengen Salz wurden von den Halden abgewaschen, und alleine aus den Zwischenlagerbecken bei Fessenheim sind eine Million Tonnen Salz “einfach so” ins Grundwasser gesickert.Wenige Kilometer unterhalb der Fessenheimer Rheininsel finden sich im Elsass und in Südbaden bereits jetzt bis zu 50 Gramm Salz in einem Liter Grundwasser – Meerwasser enthält im Schnitt nur 35 Gramm. Die Anzeigen des BUND gegen Behörden und Verursacher führten nie zu Prozessen und kein Verantwortlicher wurde bestraft. Die Sanierungskosten trägt nicht die immer noch existierende Verursacherfirma MDPA sondern die Allgemeinheit und für die Untersuchungskosten kommen die europäischen Steuerzahlerinnen mit Interreg-Geldern auf.

Soweit die unschöne aber typische Vorgeschichte.

Jetzt gab es also die ausgebeuteten Schächte und Stollen im Boden und das Gebiet des elsässischen Kalibeckens gleicht unterirdisch einem großen Schweizer Käse. Ökologisch sinnvoll wäre es natürlich gewesen, endlich das oberirdisch lagernde Salz wieder unter Tage zu bringen. Doch so etwas ökologisch Sinnvolles ist natürlich eine dumme Idee, denn es bringt keinen Gewinn.

Große Gewinne aber bringt es, Giftmüll nicht etwa teuer aufzuarbeiten, sondern ihn billig unterirdisch zu „entsorgen“ (ein wunderbarer Neusprechbegriff). Und so wurde die Firma Stocamine gegründet mit dem Ziel, in den alten Bergwerken die größte, beste und sicherste Untertagedeponie Frankreichs zu schaffen und dort, kostengünstig für die Industrie, hochgefährliche Industrieabfälle ein zu lagern. Atommüll und brennbare Abfälle sollten und durften nicht gelagert werden.

Vor der Inbetriebnahme im Jahr 1999 gab es die allseits bekannten Rituale. UmweltschützerInnen von Alsace Nature, vom BUND aus Südbaden und örtliche, elsässische Bürgerinitiativen warnten vor den massiven Gefahren und Billiglösungen und organisierten Einsprachen und Proteste. Auf der anderen Seite gaben Behörden, Betreiber und „Experten“ Entwarnung. Es ist dieser eine Satz, den UmweltschützerInnen immer wieder hören und der in den Medien in solchen Zusammenhängen häufig zu lesen ist: „Nach übereinstimmender Ansicht der Experten gibt es keinerlei ernstzunehmende Gefahren“. Die fachliche Kritik der „Nörgler“ ist unbequem.

Der Deponieleiter der Stocamine hatte vor Inbetriebnahme der Giftmülldeponie noch lautstark verkündet, in die sicherste und beste Deponie Frankreichs zwar hoch giftiges, aber absolut unbrennbares Material dauerhaft sicher einzulagern. Gefährliche Gifte des Industriezeitalters waren also in sicheren Händen und für hunderttausende von Jahren sicher „entsorgt“.

Von 1999 bis 2002 wurden rund 45.000 Tonnen hochgiftiger Industrieabfälle eingelagert, darunter Zyanid, Arsen sowie chrom- und quecksilberhaltige, nicht brennbare Substanzen.

Im September 2002 bemerkten Bergleute der neben Stocamine liegenden Kaligrube giftigen Rauch, einige Bergarbeiter trugen gesundheitliche Schäden davon. Sie flohen aus dem weit von der Deponie entfernten Bergwerk, das dann auch für immer geschlossen werden musste, denn das “Unmögliche” war eingetreten. Der laut Werksleitung “absolut nicht brennbare Giftmüll” brannte über Wochen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz schenkte der Stocamine daraufhin in einer symbolischen Aktion einen Rauchmelder, denn solche Sicherheitsvorkehrungen waren in der größten Giftmüllgrube Frankreichs nicht vorgesehen. Die Giftmülldeponie musste geschlossen werden. Die Verantwortlichen bekamen lächerliche Strafen gegen die sie erfolgreich in Berufung gegangen sind. Der Leiter von Stocamine kam mit einer Geldstrafe von 5000 Euro davon. Die in erster Instanz verhängte Bewährungsstrafe von vier Monaten hob das Berufungsgericht im April 2009 wieder auf.

Immer wieder erleben UmweltschützerInnen bei großen Umweltskandalen lächerliche und skandalöse Urteile: das gilt für die Stocamine ebenso wie für die Massenvergiftung im indischen Bhopal, für die gesundheitsschädigenden Holzschutzgifte der BAYER-Tochter DESOWAG, für den Contergan-Skandal, für die Dioxinvergiftung in Seveso und die Versenkung der Rainbow Warrior durch den französischen Geheimdienst. Angemessene, gerechte und abschreckende Urteile gegen Umweltsünder scheint es immer nur bei „kleinen“ Umweltvergehen zu geben.

Am 16/09/2010 berichtete die französische Zeitung L’Alsace über den aktuellen Stand in Sachen Stocamine.
» Die hochgiftigen Abfälle in dem Stollen zu belassen, ist den Experten zufolge aber auch keine gute Lösung. Der Stollen werde in « hundert bis 150 Jahren » von Grundwasser überschwemmt, längerfristig — etwa in 600 Jahren — könnten dann toxische Substanzen durch Strebe an die Oberfläche kommen. Dadurch könnte das Grundwasser in der Umgebung der Deponie ungenießbar werden, warnen die Bergbau-Experten. Die Autoren des Berichts empfehlen nun, soviel Müll zu bergen, wie dies ohne Gefahr möglich ist. Gleichzeitig müssten Lösungen für die Giftabfälle gefunden werden, die nicht zu Tage befördert werden können.“ Zitatende

Stocamine und Asse sind zwei Beispiele die zeigen, wie unverantwortlich mit den giftigsten Giften des Industriezeitalters umgegangen und wie Zukunft gefährdet wird. Mit Sorge schaut der BUND auf die von reinen Gewinninteressen geleitete Atomdebatte und auf die höchst umstrittenen geplanten Atommülllager in Gorleben, Bure und Benken, wo es wieder einmal heißt, dass „nach übereinstimmender Ansicht der Experten langfristig alles absolut sicher sein wird“. Was stets fehlt ist der Zusatz: „Alle Angaben ohne Gewähr“.

http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/asse-stocamine-atommuell-giftmuell.html

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