Vier Orte: Asse II, Bergkamen, Stocamine, Herfa-Neurode. Eine Gemeinsamkeit: Sicher ist nur das Risiko.

„In der Schachtanlage Asse II ist die Lagerung von Atommüll in tiefen geologischen Schichten erfolgt.“

Dieser Satz klingt banal.

Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass dieser Satz mehrere Themen beinhaltet:

– Es geht um grundsätzliche Fragen zur Lagerung von Atommüll – unabhängig vom Lagerungsverfahren.

– Es geht um grundsätzliche Fragen zur Lagerung  von Gefahrstoffen – nicht nur von Atommüll – in tiefen geologischen Schichten.

– Es geht schließlich auch um die speziellen Fragen, die sich aus der Lagerung von Atommüll in tiefen geologischen Schichten betrachtet.

Einen Blick auf Atommüll, der auf den ersten Blick nicht als solcher wahrgenommen wird, haben wir in unserem Beitrag „Das vergessene Endlager“ geworfen.

Wir wollen mit diesem Beitrag das Thema „Lagerung von Gefahrstoffen in tiefen geologischen Schichten“ betrachten und hierzu drei Beispiele vorstellen:

Bergkamen (NRW)

Der Spiegel berichtet in seiner Ausgabe vom 15.07.2013 über ein Gutachten, dass in Bergkamen für Aufruhr sorgt. Dort wurden nach Abschluss der Bergbau-Aktivitäten 160.000 t Asche aus Bergbau und Müllverbrennung verkippt.  Die Abfallstoffe wurden Wertstoffen deklariert und nach Bergrecht in den Schacht verbracht. Wer meint, dass Etikettenschwindel und die Anwendung nach Bergrecht, die einzigen Parallelen zur Asse sind, irrt.

Die Aschen wurden mit Flüssigkeit versetzt, in den Berg gepumpt und sollten zur Stabilisierung des Bergwerks dienen.  Der Bevölkerung wurde erklärt, dass dies nur zu ihrem Vorteil sei, da so ein Absenken der Häuser durch einstürzende Schächte verhindert oder zumindest vermindert werde.

Mittlerweile liegt ein erstes Gutachten vor, dass aussagt: In Bergkamen hätte nie eine Einlagerung vorgenommen erfolgen dürfen (auch diese Aussage ist eine Parallele zur Asse, wo es mittlerweile Allgemeingut ist, dass „nach heutigem Wissensstand“ der Schacht für die Einlagerung ungeeignet war).

Bergkamen ist absehbar nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt wurden in NRW in ehemaligen Bergwerken rund 600.000 Tonnen vergleichbarer Stoffe eingelagert.

(Randbemerkung: Der angesprochene Artikel des Spiegels trägt die Überschrift „Gefährliche Altlast“. Die Artikel, auf den wir uns in unserem Beitrag „Das vergessene Endlager bezogen haben, erschien unter dem Titel „Radioaktive Altlast: Ein Sorgenkind bleibt bei Wismut-Sanierung“. Das Wort „Altlast“ signalisiert, dass es sich um eine Last aus der Vergangenheit handelt, die heute nicht mehr entstehen kann. Ein trügerisches Vorgehen, denn die Gefahren sind nicht „alt“ sondern aktuell.)

Stocamine (bei Mulhouse im Elsass)

Das Giftmülllager wird vom BUND vorort als die „kleine Asse bezeichnet (siehe unseren Beitrag). Im französischen Giftmüllager, in dem 2002 es in einem Seitenstollen zu einem Brand, der erst nach zweieinhalb Monaten gelöscht werden konnte, lagern 44.000 Tonnen Giftmüll.

Heute bestehen Probleme, die den Problemen an der Asse sehr ähnlich sind:

– Als Stocamine 1999 in Betrieb ging, hielten die Behörden den Standort für absolut sicher.

– Spätestens seit einem Expertenbericht vom Juli 2011 ist das widerlegt. Früher oder später, so das Fazit, dringt Salzsole in das einstige Kalibergwerk. Dann könnten die hochgiftigen Substanzen das Grundwasser kontaminieren … und sich über weite Teile Europas verteilen. Stocamine ist gerade einmal 30 Kilometer vom Rhein entfernt. (Auch hier gibt es eine Parallele zu Asse II. Die „Zeit“ berichtete: „Die Grundwässer bei der Asse gehören zum Einzugsbereich der Weser, Hydrologen vermuten auch Verbindungen zur Elbe. Das Ende der Asse würde weit über die Region hinaus strahlen.“)

Das Ergebnis: Stocamine soll geräumt werden. Doch auch diese Räumung ist mit erheblichen Problemen verbunden. Die Badische Zeitung berichtete unter der Überschrift „Eine gefährliche Bergung beginnt„. Ein Titel, der auch auf Asse II zutreffen könnte.

Herfa-Neurode (Nordhessen)

Die Frankfurter Rundschau bezeichnete Herfa-Neurode 2011 als den „giftigsten Ort der Welt“. Jährlich werden dort 30.000 Tonnen hochgiftige Stoffe von Arsen bis Dioxin eingelagert. Der Betreiber ist stolz darauf, „Kunden von Island bis Griechenland“ zu haben. Giftmülltourismus ist in Herfa-Neurode an der Tagesordnung.

Zwar liegt die Salzstock unter einer 300 m dicken Tonschicht. Doch absolute Sicherheit bedeutet das nicht.

Contratom berichtete 2011 u. a. „Auf der thüringischen Seite des Kalibergwerk Werra dringen bis zu 50.000 Kubikmeter Wasser im Jahr ein. Weil es eine unterirdische Verbindung zu den hessischen Abbaufeldern und der Deponie gibt, besteht die Möglichkeit, dass auch in das Giftmülllager Wasser eindringen könnte.“

Und weiter:

„Im Jahr 1989 verursachte der Zusammenbruch eines benachbarten Schachtes ein Erdbeben der Stärke 5,6..“

„Vor der Hacke ist es dunkel“

So unterschiedlich die konkrete Situation an den 

– durch eingetretene Schäden und voraussehbares Absaufen an Atommülllagerstandorten  Asse II und in Stocamine 

– durch erste Anhaltspunkte für mögliche Schäden in Bergkamen oder

– durch erstes Hinterfragen der Sicherheit in Herfa-Neurode

auch sein mögen.

Der alte Bergmannsspruch „vor der Hacke ist es dunkel“ wird durch jedes Bergwerksunglück, jede verzögerte Bohrung und jede andere Unregelmäßigkeit in einem Bergwerk bestätigt.

Er gilt auch für alle Standorte, denn in der Tat gibt es „vor der Hacke“ kein Wissen, sondern nur Prognosen.

Prognosen können

– erbärmlich „in die Hose“ gehen, wie die Schachtanlagen Asse II und Stocamine zeigen,

– Risikofaktoren unzureichend bewerten, wie es in Bergkamen der Fall sein könnte, oder

– den Zwang auslösen, dass sie immer wieder überprüft werden müssen ,weil nicht erwartete Ereignisse eintreten, wie das Erdbeben in der Nähe von Nerfa-Neurode zeigt.

Konsequenzen oder Verdrängung?

Wenn Prognosen nicht zutreffen, kann das dies zwei grundsätzliche Ursachen haben. Es kann eine standortspezifische Fehlbewertung vorliegen oder die Methodik der Prognose-Erstellung ist fehlerhaft.

Diese Frage wird aber nicht gestellt.

Wenn Prognosen durch Auffälligkeiten infrage gestellt werden, erfolgt die reflexartige Entgegnung:

„Ein Zusammenhang besteht nicht“

wahlweise

„Ein Zusammenhang ist nicht nachweisbar“

oder

„Die Datenlage reicht zur Bewertung nicht aus“.

„Zurückweisung statt kritischer Hinterfragung“ lautet die Devise.

Kein Ende in Sicht?

Die Beispiele erfassen drei einer unbekannten Anzahl von Lagerungen „kritischer Substanzen“ in ehemaligen Bergwerken.

Es wird weiter eingelagert, es werden neue Pläne für die unterirdische Lagerung von CO2 geschmiedet, die Einlagerung von chemo-toxischen Abfällen wird kaum thematisiert und bei der Atommüllverwahrung wird von Schacht Konrad bis zum Standortauswahlgesetz auf tiefe geologische Schichten gesetzt.

Wenn – wie das Beispiel „Herfa-Neurode“ zeigt – Giftmülltourismus bejubelt wird, kann die Uhr darauf gestellt werden, dass z. B. auch CO2-Tourismus und Atommüll-Tourismus ausgeweitet wird, wenn er wirtschaftliche Rendite verspricht. Eine Ausweitung der Lagerkapazitäten könnte eine mögliche Folge sein.

Schulterschluss

Ob und unter welchen Bedingungen (Prognosen und Voraussetzungen) eine tiefengeologische Einlagerung von Gefahrstoffen die gegenwärtig beste bekannte Lösung ist,

– wie das Zutreffen der Prognosen bzw. das Abweichen kontinuierlich überwacht werden kann,

– wie auf neue Erkenntnisse reagiert werden kann und

– wie Fehlentscheidungen revidiert werden können, sind Fragen,  die in diesem Zusammenhang zu beantworten sind.

Diese Fragen stellen sich

– für alle Formen von gefährlichen Stoffen

– unabhängig von Ihrer Definition (Abfall oder Wertstoff)

– unabhängig von Ihrem Ursprung

– unabhängig von der Belastung (radiologisch, chemisch, toxisch).

In der Asse ist nicht nur das Konzept „Atommüll – tief vergraben und vergessen“ gescheitert.  Jegliche Lagerung von Gefahrstoffen in tiefen geologischen Schichten ist durch das Scheitern der Schachtanlage Asse infrage gestellt. Denn an der Asse geht es nicht nur um die Bergung von Atommüll, sondern um die Fragen der Verlässlichkeit von Prognosen und Gutachten. Fehlprognosen und Wunschgutachten können an jedem der genannte Standorte zwar andere aber nicht minder katastrophale Auswirkungen haben.

„Die Politik“ ist gefordert, die Konsequenzen zu ziehen. Dies wird sie jedoch nicht ohne Druck tun.

Ein „Schulterschluss“ aller Bürgerinitiativen, die von der Lagerung von Gefahrstoffen in tiefen geologischen Schichten berührt sind, ist daher dringend notwendig.

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