Bergung des Atommülls aus Asse II – Wissenschaftlicher Gegenwind ohne gesellschaftliche Verantwortung?

In steter Regelmäßigkeit melden sich die Gegner der Bergung des Atommülls aus der Schachtanlage Asse II.

Aktuell sind es die Strahlenschutzkommission und – wieder einmal – Michael Sailer vom „Oeko-Insititut“ in Freiburg.

Doch nacheinander:

Der Tagesspiegel berichtet in seiner Ausgabe vom 13.12.2014 darüber, dass die Strahlenschutzkommisson (SSK) das „Gesetz zur Beschleunigung der Rückholung radioaktiver Abfälle und der Stilllegung der Schachtanlage Asse II “ für verbesserungswürdig hält. Das Gesetz wurde am 20.4.2013 verabschiedet. Die SSK hat sich nach Angaben des Tagesspiegels am 11.12.2014 – also ein Jahr und acht Monate nach der Verabschiedung – mit einer Stellungnahme zu diesem Gesetz beschäftigt.

Eine Stellungnahme der SSK liegt noch nicht – bestenfalls ein Zwischenstand. Aber auch der ist nicht veröffentlicht.

Wer etwas mehr über die Diskussion der SSK zur Schachtanlage Asse II erhalten will, wird auf der Internetpräsenz des Institut für Radioökologie und Strahlenschutz (IRS) fündig. Prof. Dr. Rolf Michel i. R. (immerhin stellv. Vorsitzender der SSK) hat am 15.11.2014 seine Meinung zu den Anforderungen an den Umgang mit dem Atommüll in der Schachtanlage Asse II dargelegt. Seine Schlussfolgerungen lauten:

irs

 

Der vollständige Vortrag kann auf der Website des IRS eingesehen werden.

(falls der Link nicht funktioniert, bitte diese Adresse verwenden http://www.irs.uni-hannover.de/3.html – und mit <STRG> <F> nach  Strahlenexpositionen suchen.

Die aktuell bekannt gewordenen Aussagen der SSK überraschen daher nicht.

In der politischen Auseinandersetzung sollte man sie zur Kenntnis nehmen und sich mit ihr- wie mit allen wissenschaftlichen Stellungnahmen – kritisch auseinandersetzen.

Aber : Es bleibt eine wissenschaftliche Einschätzung – mehr nicht.

 

Vergleiche haben häufig eine unangenehme Eigenschaft. Sie hinken!

Dies SSK versucht den Vergleich zwischen der radiologischen Belastung bei der Bergung des Atommülls mit der radiologischen Belastung bei einem Verzicht auf die Bergung *.

Fragen wir einmal nach der möglichen Qualität eines solchen Vergleichs.

Bergung des Atommülls

1. Bei der Bergung des Atommülls aus der Schachtanlage Asse II gilt zuerst einmal festzuhalten, dass sie sich über einen langen aber überschaubaren Zeitraum erstrecken wird. Nach Abschluss der Bergung ist der Atommüll  jedoch wieder unter einer gewissen Kontrolle. Die geologische Entwicklung der Asse nach Abschluss der Bergung ist aus radiologischer Sicht belanglos.

2. Für eine halbwegs exakte Ermittlung der radiologischen Belastung bei der Bergung  müsste bekannt sein, welches radioaktive Inventar in der Schachtanlage vorhanden ist und in welchem Zustand die Gebinde sind. Es müsste auch bekannt sein, mit welcher Technologie die Bergung und Konditionierung erfolgen muss. Es müssten auch die Belastungen bei der Zwischen- und Endlagerung bekannt sein. All diese Faktoren sind jedoch weitgehend unbekannt.

Verzicht auf die Bergung des Atommülls

1. Der Verzicht auf die Bergung würde damit einhergehen, dass sich die Betrachtung auf einen zeitlich „nach hinten offenen“ Zeitraum erstrecken muss. Wir reden nicht wie bei der Bergung über einen Zeitraum von unter 100 Jahren, sondern über einen Zeitraum vom 1.000.000 Jahren, der für die Betrachtung einer „Langzeitsicherheit“ herangezogen werden muss.

2. Die fehlenden Kenntnisse über das tatsächliche radioaktive Inventar wirken auch auf die Verlässlichkeit einer Einschätzung der Auswirkungen beim Verbleib des Inventars in der Schachtanlage. Bei der Betrachtung der Belastungen muss man sich keine Gedanken über die Auswirkungen von Bergungstechnologie, Konditionierung, Zwischen- und Endlagerung machen. Man muss sich aber Gedanken über mögliche geologische Veränderungen in diesem Zeitraum machen. Dabei sind schon die Kenntnisse über die aktuelle Geologie der Asse unzureichend. Eine Prognose der Geologie über einen Zeitraum von 1.000.000 Jahre grenzt an Kaffeesatzleserei.

Sowohl die Betrachtung des Auswikungen bei einer Bergung ist unsicher. Die Betrachtung des Auswirkungen des Verzichts auf die Bergung ist noch unsicherer.

3. Die Bewertungen der SSK kann sich nur auf radiologische Belastungen beziehen.

In der Schachtanlage Asse II wurden auch in großen Mengen toxischer Abfall verklappt. Fast eine halbe Tonne Arsen stehen hierfür als Beispiel.

Die Auswirkung des Verzichts auf die Bergung des Arsens unterliegt an dieser Stelle keiner strahlenschutzorientierten Betrachtung sondern einer toxilogischen Betrachtung und hierfür hat die SSK kein Mandat.

 

Wissenschaft kann und muss beraten – aber nicht entscheiden

Bei der Frage, ob der Atommüll aus der Schachtanlage Asse II geborgen werden soll, handelt es sich nicht allein um eine wissenschaftliche Frage.

Der Atommüll, der in der Asse eingelagert wurde, wurde in der vergangenen und vorvergangenen Generation produziert. Die Auswirkungen werden künftige Generationen tragen müssen.

Wissenschaft kann versuchen, die radiologischen Auswirkungen – ungeachtet der oben geschilderten Probleme -zu vergleichen und daraus eine „Rechtfertigung“ ableiten: Ist die Belastung für künftige Generationen höher als für die jetzige Generation, wird geborgen. Sind die Belastungen für künftige Generationen geringer als für die heutige, bleibt der Atommüll im Berg.

 

Die Gesellschaft muss Verantwortung definieren und einfordern

Es gibt Fragen, die nur im gesellschaftlichen Diskurs beantwortet werden können:

Will die Gesellschaft die Kontrolle über den Atommüll zurück erlangen oder will sie die weitere Entwicklung der Geologie überlassen?

Will die Gesellschaft einen Umgang mit einer kalkulierbaren Risiken oder will sie sich auf Abschätzungen und herbei gerechneten Prognosen verlassen?

Wie viel Risiken will die Gesellschaft künftigen Generationen aufbürden? Selbst dann, wenn die gegenwärtige Generation höhere prognostizierte Risiken tragen muss, als zukünftige Generationen, könnte es Ergebnis einer gesellschaftlichen Debatte sein, dass diese Generation sagt: „Wir tragen dieses höhere Risiko, denn unsere Generationen haben das Problem verursacht und wir können es nicht vertreten, den zukünftigen Generationen mehr als das absolut unvermeidbare Risiko aufzubürden.“

Diese Fragen kann die Naturwissenschaft nicht beantworten.

Eine weitere Stimme meldet sich zu Wort

Es ist ein bekannter Gegner der Rückholung des Atommülls aus der Schachtanlage Asse II: Michael Sailer, vom „Oeko-Institut“. Auch hierzu zitieren wir den Tagesspiegel:

… Sailer wäre es lieber gewesen, wenn es möglich gewesen wäre, das Skandalendlager in Asse auf andere Weise sicher zu schließen, als den Atommüll wieder aus dem Salzstock herauszuklauben. Das BfS versucht das derzeit, weil eine sichere Schließung auf andere Weise nicht möglich scheint.

Mit der „Lex Asse“ hat der Bundestag diesen Weg nicht nur gebilligt, sondern auch etwas beschleunigt. Anders, davon waren die fünf Berichterstatterinnen aller Bundestagsparteien in der vergangenen Legislaturperiode überzeugt, könnte das Vertrauen der Bürger in der Region nicht zurückgewonnen werden. Sailer findet, dass die Asse mit ihren relativ geringen radioaktiven Lasten vom „eigentlichen Problem“ ablenke – nämlich ein Endlager für den hochradioaktiven Müll zu finden.“

Diese Aussage offenbart ihren Zynismus, wenn man sie mit einer anderen Aussage in Verbindung bringt.

“ Für das strahlenbedingte Leukämie- und Krebsrisiko gibt es keine Schwellendosis. Auch niedrige Dosen können die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Krebs oder Leukämien bei bestrahlten Personen erhöhen“. Quelle

(Fortsetzung folgt)

* Ein Verzicht auf die Bergung bedeutet übrigens nicht „Verbleib des Atommülls in der Schachtanlage“. Durch die geologischen Verhältnisse (die sog. Konvergenz oder auch Bergdruck genannt) ist als sicher anzusehen, dass früher oder später radioaktive Substanzen freigesetzt werden).

 

 

 

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