Veranstaltung am 23.11.2016 – Gefahren radioaktiver Strahlung / Asse im Focus

nuclear-waste-1471361_1920-1Vor rund 50 Teilnehmern referierte Thomas Dersee, Herausgeber des Strahlentelex, über die Auswirkung von radioaktiver Niedrigstrahlung. Die Veranstaltung der WAAG war eine erste Einführung in das komplexe Thema.

Der Referent, Thomas Dersee, hatte nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl zusammen mit Physikern und Technikern die erste unabhängige Messstelle und ein unabhängiges Informationsnetzwerk aufgebaut, das Messungen der radioaktiven Belastung von Luft, Niederschlag und Bodenproben machte und Lebensmittel, wie Milch und Milchprodukte, Gemüse und Obst auf Radioaktivität untersuchte.  Die Ergebnisse wurden in einem schnellen Rundbrief, dem “Strahlentelex“, veröffentlicht. Diese Stiftung Warentest ähnlichen Informationen waren objektiv und unabhängig. Sie bedeuteten eine große Hilfe für die damals verunsicherte bzw. uninformierte Bevölkerung und dienten der Verminderung oder Vermeidung unnötiger radioaktiver Belastungen. 2006 erhielt Thomas Dersee den Deutschen Umweltpreis für JournalistInnen für das Strahlentelex.  

Welche politische Funktion und Bedeutung hat die effektive Jahresdosis?

Dersee erläuterte in seinem Vortrag einleitend, was sich hinter dem Begriff effektive Jahresdosis verbirgt. Seine Kritik: Diese stelle nur die Wirkung auf die Einzelperson ab und habe die Bewertung durch die Kollektivdosis abgelöst. Das Gesamtvolumen der freigesetzten Strahlung und der Gesamtschäden würden dadurch intransparent.

Die heutigen Grenzwerte seinen entschieden zu hoch. Wenn 100.000 Menschen mit jährlich 1 Millisievert (mSv) effektiver Dosis bestrahlt werden, dann sterben dadurch später jährlich 5 bis 6 Menschen lt. Internationaler Strahlenschutzkommission von (ICRP) 2007 (5,5%/Sv) oder lt. anderen Autoren sogar 55 Menschen zusätzlich an Krebs. Hinzu kommen ein Mehrfaches an Nicht-Krebserkrankungen wie Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes mellitus) sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen (d.h. Schlaganfälle, Herzinfarkte).

Mit „Grenzwerten“ werde festgelegt, wie viele Schäden bzw. „Menschenopfer“ wir akzeptieren wollen bzw. sollen.

Dazu nannte Dersee konkrete Beispiele: Es wurde von der Bundesregierung festgelegt,

  • dass „für wahrscheinliche Entwicklungen das vom Endlager ausgehende zusätzliche Risiko eines Menschen“ kleiner als 1:10000 ist, „im Laufe seines Lebens einen schwerwiegenden Gesundheitsschaden (…) zu erleiden“ – im Klartext; 1 von 10.000 Menschen darf an Krebs sterben.

 

  • dass für „weniger wahrscheinliche Entwicklungen“ soll ein Risiko bis 1:1000zulässig sein im Klartext: auch bereits 1 von 1.000 Menschen darf an Krebs sterben.

Risiken müssen anhand der individuellen Auswirkung bewertet werden – auch ein Risiko von 1:1000 kann ein 100-prozentiges Risiko sein

Dabei sei zu beachten, dass eine statistische Angabe über das Strahlenrisiko mit besonderer Vorsicht zu betrachten sein. Innerhalb einer großen Gruppe von Individuen erkrankt oder stirbt unter einem bestimmten Einfluss zum Beispiel eine Person von 10.000 Individuen. In der Umkehrung, also wenn eine einzelne Person herausgegriffen wird, hat diese aber nicht ein Risiko von 1 : 10000. Sie erleidet entweder den Schaden oder eben nicht.

Auch an dieser Stelle im Klartext: Nicht die Schwere einer Erkrankung, nur die Zahl der Erkrankungen wird durch die Dosis bestimmt. Wer an Krebs- oder Leukämie erkrankt, erleidet eine Krebs- oder Leukämieerkrankung in ihrer vollen Ausprägung. Auch die kleinste Strahlendosis kann eine Erkrankung  auslösen. Das gilt genauso für die genannten Nicht-Krebserkrankungen, die von radiologischer Belastung hervorgerufen werden können.

Demokratische Lücke

Die unterschiedlichen Werte der Strahlenschutzverordnungen wurden im Rahmen der Beschlussfassung über die Strahlenschutzverordnung von der Bundesregierung und den Länderregierungen im Bundesrat deklariert, ohne dass ein Parlament damit befasst war.

Bewertung der Strahlenschutzkommission und des Expertenreises zur Asse sind unlogisch

Dersee setzte sich auch mit den Aussagen der Strahlenschutzkommission und des Expertenkreises Asse zu den Krebserkrankungen an der Asse auseinander. Deren Aussagen wie „wir haben nichts gefunden“ oder „es war nichts zu erkennen“ und „deshalb ist auch nichts“ bzw. „es besteht kein Zusammenhang“ sind logisch falsch. Es bestehen immer zwei Möglichkeiten: Entweder ist tatsächlich nichts oder die gewählte Methode der Betrachtung war ungeeignet, den Effekt zu zeigen oder zu erklären.

Veranstaltung war ein notwendiger Anfang

Die kritische Betrachtung bestehender Regelungen und Bewertungen sowie die gewollte lebhafte Diskussion zeigte, dass die Einbeziehung von unabhängigen Experten, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen – wie z. B. der Ärzteverband IPPNW (Ärzte gegen Atomkrieg und in sozialer Verantwortung) – unbedingt in die weitere Arbeit einbezogen werden sollten, so z. B. die vom Kreistag vorgeschlagene Fachkonferenz.

Hier der Vortrag von Thomas Dersee zum Download.

Die Veranstaltung wurde von der Jägermeister-Stiftung finanziell unterstützt.

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