Wasserzulauf in Asse II vor Atommüll-Einlagerung bekannt

In den letzten Wochen wurde in Asse II ein deutlich erhöhter Laugenzufluss festgestellt, wie die bundeseigene Betreibergesellschaft BGE meldete (http://t1p.de/asselauge2019).

Bislang war man offiziell davon ausgegangen, dass erst seit 1988 – zehn Jahre nach Ende der Einlagerung von Atommüll – Lauge in die Schachtanlage Asse II zutritt. Doch die Analyse eines Befahrungsprotokolls ergibt: schon 1964 wusste man, dass täglich drei Kubikmeter Wasser eindringen. Also bevor am 4. April 1967 das erste Atommüllfass nach unten gebracht wurde.

Am 29. Januar 1964, heute vor 55 Jahren, besichtigten Vertreter des Forschungsministeriums, der Gesellschaft für Kernforschung Karlsruhe (GfK) und des damaligen Eigentümers die Schachtanlage Asse II, um die Eignung zur Atommüll-Deponierung festzustellen. Es wurde notiert, dass pro Minute ca. zwei Liter Wasser durch den Schacht hineinlaufen (Seite 3). Das sind etwa drei Kubikmeter pro Tag. Man könne den Wasserzulauf eindämmen, sorgte sich aber nicht um den weiteren Verbleib dieses Wassers. 

Auch weitere Formulierungen lassen nur den Schluss zu, dass es allein darum ging, die kostengünstige Einlagerung von Atommüll zu rechtfertigen, nicht aber um eine wissenschaftlich fundierte Beurteilung der Eignung des Salzbergwerks Asse II für Atommüll-Endlagerung. So heißt es: „Positiv zu werten ist vor allem der Preis, der … auf 600.000,– DM beziffert wurde.“ (Seite 4)

Forschungsministerium lies wider besseres Wissen einlagern

Im Forschungsministerium hätten angesichts dieser Beurteilung schon im Frühjahr 1964 (verfasst wurde das Protokoll am 3. März 1964) alle Alarmglocken schrillen emüssen. Stattdessen ließ man die Umrüstung der Schachtanlage Asse II geschehen und durch die Münchner GSF in fast 12 Jahren 50.000 Kubikmeter Atommüll einlagern. Vermutlich immer mit der Angst im Nacken, noch während des Einlagerungsbetriebes könnte sich die Wassermenge den Weg in das Bergwerk hinein suchen, denn tausend Kubikmeter pro Jahr mussten ja irgendwo bleiben. Am Silvestertag des Jahre 1978 wurde der letzte Atommüll in Asse II abgekippt.

Sollten die BGE als Betreiber von Asse II und die Bundesministerien keine Konsequenzen aus dem damaligen leichtfertigen Umgang mit Risiken bei der Lagerung von Atommüll ziehen, können sie auch heute keine Glaubwürdigkeit bei der Einschätzung von Risiken im Rahmen der Endlagersuche gewinnen.

Wir fordern für die Schachtanlage Asse II und für alle Atommüll-Projekte:

1. Wissenschaftliche Expertise muss angefordert und erstellt werden, um Vorhaben kritisch zu prüfen und nicht um politische Vorentscheidungen lediglich zu legitimieren.

2. Genehmigungsbehörden dürfen nicht über kritische Stellungnahmen von Wissenschaftler*innen und Bürger*innen hinweggehen, sondern müssen diese beachten und in den Genehmigungsunterlagen nachvollziehbar bewerten. Der Gerichtsweg zur Überprüfung der Entscheidungen muss allen offenstehen.

3. Akten zu Atommüll-Angelegenheiten müssen für die Öffentlichkeit leicht zugänglich sein; heutige und kommende Generationen müssen auf unbegrenzte Zeit einen Zugang zu originalen und digitalisierten Akten haben und auch zu Analysesoftware, um diese auszuwerten.

zum Protokoll der Begehung

Laugenmanagement seit 1988

Pressemeldung als pdf-Datei

Ergänzende Stellungnahme von Andreas Riekeberg – Mitglied des A2K:

Liebe Asse-Interessierte,

über die Auswertung des Befahrungsprotokolls vom 29.01.1964 haben kurz der NDR und recht ausführlich die Madsack-Mediengruppe (http://www.haz.de/Nachrichten/Der-Norden/Atommuell-Behoerden-wussten-1964-von-Wasser-in-der-Asse) berichtet.

Vermutlich anlässlich dessen hat die BGE eine Stellungnahme veröffentlicht: https://www.bge.de/de/aktuelles/meldungen-und-pressemitteilungen/meldung/news/2019/1/295-schachtanlage-asse-ii/

Darin stellt die BGE die Behauptung auf: „Ein Zusammenhang mit den Zutrittswässern in der Schachtanlage Asse II besteht nicht.“ Für diesen Ausschluss eines Zusammenhanges führt sie leider keine Argumente an, er wird nur behauptet. Es sei denn, man würde als Argument die eher willkürliche Definition des Zutrittes bei 137 m als „betriebliche Lösung“ gelten lassen.

Diese Definition passt nicht zur Klassifizierung der Lösung als als „Deckgebirgslösung“ durch den ehemaligen Betreiber GSF. In einer Dokumentation hat im Jahr 2003 der damalige Betreiber der Schachtanlage Asse II eine „Zusammenstellung und Bewertung der vor 1988 im Grubengebäude der Schachtanlage Asse II aufgetretenen Salzlösungen und Gase“ vorgelegt. (Quelle: https://www.asse.bund.de/SharedDocs/Downloads/Asse/DE/IP/historische-dokumente/stilllegungskonzept-hmgu/07-salz-gas-vor-1988.pdf?__blob=publicationFile&v=2)

Dort heißt es auf Seite 9 zum Zutritt bei 137 m Teufe: „Im Februar 1956 wurden in rd. 137 m Teufe Risse im Tübbingausbau festgestellt [3], die sich in den nächsten Jahren verlängerten und einen Zufluss von ca. 3 l/min hatten. Beobachtungen zufolge hat nach 1959 keine weitere Ausweitung dieser Risse stattgefunden. Die GSF veranlasste 1966, dass der Tübbingteil des Schachtes 2 gereinigt und entrostet wurde, um eventuelle weitere Schäden freizulegen. Bei diesen Reinigungsarbeiten wurden weitere Risse in unterschiedlicher Teufe festgestellt. Einige davon ergaben geringe Lösungszuflüsse. Aus Tabelle 2 können die einzelnen Zutrittsstellen aus den Rissen in den Tübbingsegmenten mit den Zuflussmengen sowie den Teufenangaben entnommen werden. Nach [13] handelt es sich bei den zutretenden Lösungen um Süßwässer, die aus relativ oberflächennahen, gering bzw. nicht salinar beeinflussten Horizonten (evtl. verstürzter  Unterer Buntsandstein) gespeist wurden [26]. Anhand der in Kap. 1 formulierten Definitionen handelt es sich bei diesen Zutritten um Deckgebirgslösungen.“

Zur Unterscheidung von Deckgebirgslösungen und Betriebslösungen schrieb die GSF auf Seite 7 der o.g. Studie: „Die auftretenden Lösungen lassen sich nach Deckgebirgslösungen, Metamorphoselösungen und Betriebslösungen unterteilen [26]. Deckgebirgslösungen entstammen einem offenem System und haben Verbindung mit den Grundwasserleitern des Deckgebirges. Die Zuflussraten werden zum einen durch das Grundwasserdargebot und zum anderen durch ggf. zuflussbegrenzende Engstellen im Zuflusssystem kontrolliert. Aufgrund ihres Restlösevermögens gegenüber Salzgesteinen sind Deckgebirgslösungen sowohl für die Betriebssicherheit als auch für den Nachweis der Langzeitsicherheit kritisch zu bewerten.“

Die „Betriebslösungen“ definierte die GSF folgendermaßen: „Bei den Betriebslösungen handelt es sich um MgCl2-führende Lösungen, die im Rahmen der betrieblichen Maßnahmen im Bergwerk entstehen. Die Herkunft dieser Lösungen ist anthropogen und stets bekannt. Es können Versatzlösungen, Wetterlösungen sowie Schachtropfwässer unterschieden werden. Betriebslösungen sind unkritisch für die Betriebssicherheit und den Nachweis der Langzeitsicherheit, da es sich um begrenzte Mengen bekannter, anthropogener Herkunft handelt.“

Die Frage erhebt sich:

Warum bezeichnet die BGE diese Lösungen, die noch im Jahr 2003 klar als Deckgebirgslösungen galten, nun als „betriebliche Lösungen“? Die Herkunft dieser Lösungen ist nicht bekannt, sie sind nicht bei betrieblichen Maßnahmen im Bergwerk entstanden und werden nicht wie betriebliche Lösungen „aufgefangen, abgepumpt, verwertet oder entsorgt.“

Vielmehr:

Wenn man annehmen muss, dass bei 137 m über einige Jahre relativ gleichmäßig große Lösungsmengen eingetreten sind, dann scheint doch eine zuflussbegrenzende Engstelle oberhalb von 137 m Teufe (gleich 55 m über N.N.) zu liegen. Die nach 1968/69 nicht mehr hier bei 137 m Teufe eintretenden Wässer müssen irgendwo geblieben sein, sollte man annehmen. Es war ein grober Fehler des damaligen Betreibers, den Zufluss abzudichten und zu meinen, damit sei das Problem behoben – es wurde nur verschoben.

20 Jahre später (ab 1988) gibt es etwa 400 m – 500 m weiter unten einen Lösungszutritt, der Anfang der 1990er Jahre in Höhe von etwa 3 m³/Tag aufgefangen wird. Könnte nicht die gleich Engstelle, die den Zufluss bei 137 m begrenzte, auch für die vorläufige Begrenzung des späteren Zuflusses ab 1988 verantwortlich gewesen sein? Beweisen ließe sich diese Hypothese wohl nur dann, wenn man die genauen Fließwege der Lösungszutritte erkunden könnte.

Doch für die von der BGE aufgestellte Behauptung, einen Zusammenhang ausschließen zu können, fehlt eine stichhaltige Begrünung. Zudem wird nicht klar, was die BGE zu dieser Behauptung veranlasst.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Riekeberg

P.S.: Tabelle 1 auf Seite 30 der GSF-Zusammenstellung von 2003 nennt sogar zwei wesentliche Zuflüsse im Schacht: 3,0 l/min bei 136-139 m Teufe und 2,2 l/min bei 173-176 m Teufe (entspricht 4,3 m³/Tag bzw. 3,2 m³/Tag). Hier könnte eine der Quellen für die Erhöhung des Laugenzutritts in die Schachtanlage Asse II im späteren Verlauf auf lange Zeit 12 m³/Tag liegen.

P.P.S.: Wer sich näher mit der Materie beschäftigen möchte, findet hier eine Unterlage über die Lösungszutritte nach 1988: https://www.asse.bund.de/SharedDocs/Downloads/Asse/DE/IP/historische-dokumente/stilllegungskonzept-hmgu/08-salz-gas-nach-1988.pdf?__blob=publicationFile&v=2

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